Noch kein Titel

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Noch kein Titel

Beitrag  Julia am Mi Jul 18, 2018 10:34 pm

Manche Liebesgeschichten beginnen mit einem Knall. Manche dagegen brauchen viele Begegnungen und eine Menge Zeit, sie entwickeln sich langsam, fast tastend. Meine Liebesgeschichte war beides zugleich und doch nichts von beidem.
1)
Mein, oder besser unser, großer Knall war ein echter. Ja, ein echter lauter Knall. Mit Geschrei und Sirenen. Wir begegneten uns zum ersten Mal als ich starb.
Ich war 12 Jahre alt, du 19 und damit schon erwachsen. Ich muss in deinen Augen das dümmste Kind auf diesem Planeten gewesen sein, denn ich war auf die selten dämliche Idee gekommen mich mit einem Seil um meinen Bauch mit meinem Skateboard an ein Auto zu binden. Das Auto fuhr los und ich lachte mich halb blöd. Der Fahrer hatte mich nicht bemerkt und als er mit überhöhter Geschwindigkeit über eine rote Ampel fuhr und rechts abbog, erfasste mich ein entgegenkommendes Auto. Beide Fahrer traf keine Schuld. Schuld war ich allein. Ich wurde noch einige Meter mitgeschleift bevor der Fahrer sein Auto stoppen konnte. Dann starb ich. Mit meinen letzten Atemzügen hörte ich quietschende Reifen und laute Sirenen. Es war als sähe ich auf mich selbst hinab und dann sah ich dich. Du warst gerade mit deiner Ausbildung zum Rettungssanitäter fertig geworden und du versuchtest mich nun zurück ins Leben zu holen. Ich erinnere mich an deine verzweifelten Augen, an deine Sturheit, fast als wölltest du um jeden Preis mein Leben gewinnen. Fast als wärst du im Spiel um Leben und Tod. Du hast um mein Leben gekämpft. Und du hast den Tod besiegt. Der große Knall war passiert. Du warst bei mir.
Ich wurde mehrfach operiert und in ein künstliches Koma versetzt. Als ich wach wurde, saß meine Mutter an meinem Bett und schlief. Sie sah völlig zusammengefallen aus und war nur noch ein Schatten ihrer Selbst. "Mom...", sprach ich sie an. "Wasser.... bitte" krächzte ich. Sie wurde wach. "Sally! Du bist wach. Gott sei Dank, du bist wach." Sie reichte mir ein Glas Wasser und drückte den Knopf um die Krankenschwester herein zu rufen. Hastig kam sie ins Zimmer und überprüfte meinen Blutdruck und Puls. "Es kommt gleich ein Arzt zu Ihnen.", sagte Sie und verließ mit einem Lächeln den Raum. Dann öffnete sich die Türe erneut doch statt des Arztes den wir erwarteten streckte ein junger Mann mit 3-Tage-Bart und dunklen zerzausten Haaren den Kopf zur Türe rein. Du warst es. Ich erkannte dich wieder. "Samuel, bitte kommen Sie doch rein! Sally ist vorhin wach geworden und ich möchte Sie gerne mit ihr bekannt machen.", meine Mom zeigte auf den jungen Mann. "Sally, das ist Samuel, wir verdanken ihm dass wir dich noch haben." Du hast mich angelächelt und einen Plüschhasen aus deiner Tasche gezogen. Einen dämlichen Plüschhasen. Einen absolut langweiligen Plüschhasen. Ich habe ihn geliebt. Ich lächelte dich an. Und damit begann der lange Teil unserer Geschichte.
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Re: Noch kein Titel

Beitrag  Julia am Do Jul 19, 2018 4:28 pm

2)
Meine Eltern waren dir zu tiefsten Dank verpflichtet und als du irgendwann erzähltest dass deine Eltern vor einigen Jahren verstorben waren, nahmen sie dich in die Familie auf. Bei einem Besuch in einem Tierpark sprach ich mit dir über Berufswünsche. Ich erzählte dir von meinen Träumen Fotografin zu werden und du musstet oft genug als Model herhalten. An diesem Tag schoss ich das wohl beste Foto meiner Karriere. Darauf bist du zu sehen und du legst den Kopf zurück und lachst. Deine Arme hast du locker in die Hüften gestemmt und ein Reh schaut, fast schon bewundernd, zu dir auf. Das Bild ist perfekt, weil selbst der dümmste Laie erkennt dass ich dein Wesen eingefangen habe. Im Nachhinein erkenne ich, dass ich wie dieses Reh war. Scheu, aber voller Bewunderung für dich. Damals war ich 14 Jahre alt, du warst ein Teil der Familie geworden. Etwas später, ich hatte gerade angefangen auch Freunde und Familie auf Auftrag zu fotografieren, hast du mir erklärt warum du Rettungssanitäter werden wolltest. Du wolltest dabei helfen etwas in der Welt zu verbessern. "Wenn auch nur ein Kind durch deine Hilfe nicht als Waise aufwachsen müsste oder jemand nicht um sein Kind trauern musste war es das wert", sagtest du. Ich war voller Bewunderung für dich. "Mhm dagegen kommt mir mein Wunsch echt doof vor. Irgendwie so unnötig.", meinte ich damals zu dir. Ich sah meine Kamera an. Ich muss ziemlich niedergeschlagen ausgesehen haben, denn du hast mir aufbauend gegen die Schulter geboxt. Was du gesagt hast werde ich mein Leben lang nie vergessen: "Sally, meine Hilfe kommt dann, wenn es fast zu spät ist. Nicht immer kann ich helfen. Wenn ich Nachts nicht arbeite schlafe ich schlecht, ich habe Albträume. Nicht immer schaffe ich es zu retten. Du hast eine Begabung, deine Bilder spiegeln so viel wieder. So viel mehr als das reine Abbild. Du hast die Möglichkeit den Menschen ihr Innerstes zu zeigen, obwohl du ihr Äußerstes fotografierst. Du kannst auf das Leben deines Motivs Einfluss nehmen, indem du etwas zeigst was verborgen war. Denk an die Bilder von Lukas: die ganze Zeit stand er strahlend vor deiner Kamera, aber das Bild was ihn beeinflusst hat, ist das worauf er nachdenklich auf seine Hände schaut. Als er die Bilder von dir bekommen hat, meinte er zu mir: " Auf den lachenden Fotos bin ich wie mich alle sehen, aber auf diesem bin ich wie ich bin. Ich möchte das mich mehr Menschen  so sehen, wie ich bin." Er hat danach aufgehört sich auf biegen und brechen zu verstellen. Das hast du bewirkt. Sally, du bist erst 14 Jahre alt und kannst etwas wo viele von träumen. Mach weiter damit." Ich glaube so viel habe ich dich noch nie am Stück reden hören. Ich musste lächeln und umarmte dich. Ich glaube das war der Moment, als ich begann mich in dich zu verlieben.
Du wurdest zum ständigen Begleiter, zum Freund, zu meinem persönlichen Beschützer. Mein Schutzengel. Als ich 17 wurde gab ich eine Feier in unserem Garten. Du warst 24, hattest begonnen Medizin zu studieren und brachtest neben einer wunderschönen Kette meinen schlimmsten Albtraum zu meiner Party mit. Mein Albtraum war groß, schlank und fast schon abartig blond.
"Sally, das ist Cruella." Okay, zugegeben eigentlich hieß sie Noemi, aber Cruella passt einfach viel besser. "Sie ist meine Freundin." Cruella hob ihre perfekt manikürte Hand mit den falschen Fingernägeln und winkte mir mädchenhaft zu. Ich hasste sie vom ersten Augenblick. Insgeheim nahm ich mir vor irgendwann ein Bild von IHREM wahren Wesen zu machen. Irgendwer musste dir ja die Augen öffnen. Cruella machte es mir nicht schwer, denn sie hatte wohl ein bisschen zu viel getrunken als sie meinen Bruder heftigst anflirtete. Dumm nur für sie, dass ich immer meine Kamera dabei habe. Um es kurz zu machen: Nach Cruella kam Cruella zwei, nach ihr Barbie. Ein gewisser Frauentyp lies sich nicht verleugnen und ausnahmlos hasste ich jede von ihnen. Heute weiß ich, dass ich wohl auch ein wenig neidisch war, denn neben den perfekten Kurven und dem schönen Haar hatten sie noch etwas, was ich nicht hatte: Dich.
Deine Kette trug ich von meinem 17ten Geburtstag an immer. Sie war silbern mit einem Hasenanhänger.

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